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  • AutorenbildManuel Klinnert

Führungsprozess (Teil 2): die Auftragsauswertung

Um erfolgreich mit Auftragstaktik führen zu können, sollte vor der eigentlichen Lagefeststellung ein wesentlicher Schritt nicht fehlen: die Auftragsauswertung. Wie Ihr sie nicht nur im Einsatz, sondern auch im Dienstalltag anwenden könnt, erfahrt Ihr hier.


 
Mit diesem oft vernachlässitgen Schritt des Führungsvorgangs wollen wir uns heute beschäftigen

In allen Darstellungen des Führungsvorganges, die ich kenne, befindet sich irgendwo das Feld für die Lage oder den Auftrag, welcher den Prozess ausgelöst hat. In der Ausbildung wird dieser Schritt oft recht schnell abgefrühstückt: klar, wir haben eine Alarmierung, eine Selbstfeststellung oder eine Befehlsausgabe und leiten unseren Führungskreislauf ein, indem wir uns die nötigen Informationen zur Lagefeststellung einholen, beispielsweise bei einer Erkundung.

Ich möchte Euch heute ein paar Informationen an die Hand geben, die Euch in vielen Situationen helfen können, in denen Ihr den Führungsvorgang durchführt. Genauer gesagt möchte ich Euch mit der Auftragsauswertung einen Zwischenschritt zwischen Lage und Lagefeststellung vorstellen, der Euch im Einsatz und im Dienstalltag das Anwenden der Auftragstaktik erleichtert. Vor allem, wenn Ihr die Informationen auch Eurem nachgeordneten Bereich vermittelt. Euch als Führungskräfte hilft das Wissen darüber insofern, als dass Ihr bei der Befehlsausgabe die Informationen bereits so aufwerten könnt, dass Eure Mannschaft ganz intuitiv zu Gunsten der Auftragstaktik handeln wird.



Die Übersicht

Anstelle einer Gliederung möchte ich Euch zunächst eine Grafik vorstellen, die Ihr auch für Euch als Anhalt bei der Durchführung einer Auftragsauswertung nutzen könnt. Sie enthält alle wichtigen Punkte, die es zu berücksichtigen gilt. Zum Ende des Beitrages gibt es auch wieder ein Poster als Download, das für die Ausbildung oder den Lehrsaal genutzt werden kann.

Die wichtigsten Punkte bei der Durchführung einer Auftragsauswertung

In den folgenden Abschnitten möchte ich auf jeden Punkt ausführlicher eingehen.



Lage

Wir wissen bereits: eine Lage im Einsatz besteht immer aus drei Lagearten:

  • Allgemeine Lage

  • Schadenlage

  • Eigene Lage

Genauer möchte ich an dieser Stelle gar nicht darauf eingehen. Dafür gibt es den nächsten Beitrag, der sich mit der Lagefeststellung beschäftigen wird. Die bei der Auftragsauswertung relevante Lage ist die, die tatsächlich vor Ort vorherrscht. Sprich: bei einer Initialalarmierung der Notfall vor Ort inklusive aller Einflussfaktoren drumherum, bei einer Nachalarmierung zählen wir die bereits beteiligten Einheiten dazu, bei einer Katastrophenlage alles, was sich im Einsatzraum abspielt und so weiter... Wichtig ist, dass diese Lage in jedem Fall zu unserer Beteiligung führt und wir somit für unseren Bereich den Führungsvorgang einleiten müssen.


Auftrag

Aus der Lage ergibt sich folglich auch immer ein Auftrag für uns. Selbst wenn wir an der Einsatzstelle keinen unmittelbaren Einsatzauftrag erhalten, ist es das Stellen einer Reserve oder die Bereitschaft für folgende Einsätze. Der Erhalt eines Auftrages kann sich auf viele Arten darstellen. Der Klassiker ist die Alarmierung über Funkmeldeempfänger und der Einsatzauftrag mittels Einsatzstichwort durch die Leitstelle. Bei der Absicherung einer Veranstaltung oder beim ganz gewöhnlichen Wachdienst werden die Rettungskräfte ebenfalls immer einen Auftrag haben, der zu Beginn durch eine Befehlsausgabe vermittelt werden sollte. Auch im Katastrophenschutz kann uns der Auftragserhalt durch eine Befehlsausgabe, zum Beispiel vom Einsatzleiter oder Zugführer, begegnen.

Wir sehen also: der Auftrag kommt in der Regel immer von einer übergeordneten Führungskraft oder -stelle. Einzige Ausnahme ist natürlich die Stelle in der Kette, welche die Lage als erste feststellt. Sei es die Leitstelle durch den Notruf, der Einsatzleiter durch die Erkundung oder der Truppführer durch die Selbstfeststellung bei der Strandwache.

Somit lassen sich die Aufträge auch immer auf die untergeordneten Ebenen herunterbrechen. Ein einfaches Beispiel:

Aufträge kommen immer von der übergeordneten Führung und werden dann in Einzelaufträge heruntergebrochen

Die Abbildung zeigt sehr gut, wie sich hierarchisch von oben nach unten aus einem übergeordneten Gesamteinsatzauftrag ein operativer Teilauftrag für die Basis entwickelt. Das bedeutet im Folgeschluss: jeder Organisation, jeder Einheit, jeder Einsatzkraft wird eine spezielle Rolle im Gesamtgefüge eines Einsatzes zu Teil. Bei der Auftragsauswertung geht es nun darum, diese Rolle von Lage zu Lage genau zu ermitteln. Aus der Abbildung geht ferner auch der nächste Punkt der Auftragsauswertung hervor...



Die Absicht der übergeordneten Führung

Betrachten wir die Abbildung einmal aus den Augen des Wasserrettungstrupps B. Bei der Befehlsausgabe hat der Einsatzleiter uns den Auftrag gegeben, eine Slipstelle für das Boot zu erkunden und den Slipvorgang anschließend zu unterstützen. Da er mit Auftragstaktik führt, hat er auf genauere Ausführungen zu Mittel, Ziel und Weg verzichtet. Ohne jetzt dem Beitrag zum Thema Befehlsgebung vorgreifen zu wollen: in diesem Fall ist es von Bedeutung, welchen Auftrag wir im Rahmen des Wasserrettungsdienstes denn eigentlich haben. Anstatt mich also darauf zu verlassen, dass alle Einsatzkräfte während der Anfahrt den Funk mithören (was auch gar nicht immer möglich ist), sollte neben dem Auftrag die eigene Absicht immer bei der Befehlsausgabe für den untergebenen Bereich mit genannt werden. Sie ist im Grunde der Entschluss, der am Ende der Planung feststeht und geht somit aus dem erhaltenen Auftrag der Führung hervor. In diesem Fall wäre die Absicht des Einsatzleiters Wasserrettung:


"Der Wasserrettungsdienst stellt sofort die Personenrettung mittels zwei Wasserretter- und einem Bootstrupp sicher, (Wasserrettertrupp A zur Personenrettung, B zur Erkundung und Unterstützung des Slippens, Bootstrupp zum Transport)"


Kennen wir als Wasserrettungstrupp B nun die Absicht des Einsatzleiters in dieser Lage, können wir selbstständig wichtige Entscheidungen zur Ausführung des Befehls treffen:

  • die Slipstelle muss für das Boot des Bootstrupps geeignet sein

  • die Slipstelle muss zur Übergabe eines Patienten an den Rettungsdienst geeignet sein

  • der Auftrag ist in höchster Eile zu erfüllen

  • Wir können beantragen, nach Ablegen des Bootes bei der Übergabe an den Landrettungsdienst zu unterstützen

  • und so weiter...


Wichtige Voraussetzungen für das Gelingen sind zum einen, dass man sich auf den Ausbildungsstand seiner Mannschaft verlassen kann und zum anderen, dass diese auch eine entsprechende Auftragsauswertung durchführt. Wie bereits angesprochen kann das natürlich durch eine vollständige und strukturierte Befehlsausgabe unterstützt werden.



Auftragskern

Für die Anwendung der Auftragstaktik ebenso wichtig wie die Absicht der übergeordneten Führung ist das Kennen des Auftragskernes. Er stellt die wesentliche Forderung der auftraggebenden Stelle an mich und meine Einheit dar und lässt sich in der Regel aus der Absicht der übergeordneten Führung ableiten.

Hier ist es wichtig, nicht einfach eins zu eins den Auftrag oder eine Liste von Aufgaben zu nennen, sondern die eine Forderung herauszuarbeiten, vor der der Einsatzerfolg wesentlich abhängt. Das sollte eine einzige, leicht zu verstehende Passage sein wie zum Beispiel:

  • Personenrettung aus dem Wasser

  • Verhinderung von Ertrinkungsunfällen

  • Erreichen eines Marschzieles

  • Absuchen eines Einsatzraumes nach Personen

  • ...

Je niedriger die Führungsebene, desto ähnlicher wird der Auftragskern dem gegebenen Auftrag sein. Bewegen wir uns aber in der Führungsorganisation nach oben, werden die Befehlsausgaben länger, die Aufträge schwammiger und der Auftragskern schwieriger herauszuarbeiten. Hier können wir uns mit Fragen behelfen, um den Auftragskern herauszufiltern:

  • Was ist die Kernforderung der übergeordneten Führung?

  • Wovon ist das Verwirklichen der Absicht der übergeordneten Führung abhängig?

  • Welche entscheidende Rolle spielen meine Einheit und ich im Einsatzgefüge?

  • Was muss ich sicherstellen, um den Einsatzerfolg nicht zu gefährden?

  • Was will der Einsatzleiter oder die Leitstelle erreichen und wie trage ich dazu bei?

Auch als befehlsgebende Führungskraft kann ich dem nachgeordneten Bereich das Verstehen des Auftragskernes erleichtern, indem ich mir diese Fragen stelle und die Antworten darauf deutlich vermittle. Als Hilfestellung kann ich beispielsweise den Punkt "Durchführung" der Befehlsausgabe abschließen mit "Es kommt mir besonders darauf an..." oder "Entscheidend ist jetzt...". So spüren die nachgeordneten (Unter-)Führer sofort, dass ein wesentlicher Bestandteil der Aufträge folgt und handeln intuitiv danach.



Auflagen

Die Dienstvorschriften zum Thema Führung sagen über den Befehl, dass er mindestens Einheit und Auftrag enthalten muss. Ein Befehl in dieser Form würde also unserem Konzept der Auftragstaktik in vollem Umfang entsprechen. In den meisten Fällen wird sich die auftraggebende Stelle oder Führungskraft jedoch nicht zu 100% auf die Auftragstaktik stützen wollen oder können. Wer schon Mal ein Leistungsabzeichen der Feuerwehr gemacht oder gesehen hat, kennt den mustergültigen Einzelbefehl in seiner vollen Ausdehnung nach Einheit - Auftrag - Mittel - Ziel - Weg (SKK, 200, S.37f):

"Angriffstrupp

zum Umspritzen des linken Eimers

1. Rohr

zur linken markierten Linie

über den Platz vor!" (SFS Würzburg, 2010, S. 73)

Auftrag für den Angriffstrupp ist also, dass der linke Eimer umgespritzt wird. Alle Punkte, die danach kommen, sind im Grunde Auflagen, welche der Gruppenführer seinem Trupp zur Auftragsausführung erteilt. Natürlich könnte er es bei Einheit und Auftrag belassen, das würde aber in diesem Fall einige Nachteile mit sich bringen. Durch das Nennen der Auflagen kann die Führungskraft sicherstellen, dass

  • alle "Brandherde" bekämpft werden

  • nicht zwei Trupps den selben Angriffsweg nehmen

  • sie weiß, welcher Trupp an welchem Rohr bzw. Schlauch vorgeht

Vor allem in maximal zeitkritischen Einsätzen sind diese Punkte wichtig, um schnell die Kontrolle über den Schaden zu gewinnen.

Je größer jedoch die Einsätze werden und je höher die Führungsebene ist, auf der wir uns befinden, desto wichtiger wird die Auftragstaktik für uns. Auflagen sind dann nur noch das Werkzeug, um die Ausführung der einzelnen Aufträge aufeinander abzustimmen und in eine grobe Richtung zu lenken.



Folgerungen und Prüffragen

Haben wir schließlich alle oben genannten Punkte geklärt, sollten wir am Ende der Auftragsauswertung bereits mit einigen Folgerungen und Prüffragen gerüstet sein. Folgerungen sind alle Tatsachen, die bereits bestimmte Aspekte des eigenen Handelns festlegen, und somit nicht mehr im weiteren Verlauf des Führungsvorganges in Frage gestellt werden müssen. Prüffragen sind im Grunde das Gegenteil: hierbei handelt es sich um Aspekte, die im Laufe des Prozesses noch dringend zu klären sind und dienen uns nach Fassen des Entschlusses als "Cross-Check", also als Prüfung, ob wir auch an alles gedacht haben.

Das hört sich jetzt hochtrabend an, je niedriger jedoch unsere Führungsebene ist, desto einfacher können wir hier denken. Nehmen wir das Beispiel des Feuerwehr Angriffstrupps (und ignorieren Mal die Tatsachen, dass ein Leistungsabzeichen vielmehr Choreografie als ein Führungsprozess ist): der Truppführer hat nun Auftragskern und Auflagen erkannt und kann für sich und seinen Truppmann folgern:

  • Wir nehmen den Schlauchtragekorb mit dem ersten Rohr

  • Der Schlauch ist am Verteiler links anzuschließen

  • Einsatz von Pressluftatemgeräten, usw...

Als Führungskraft könnte er dann noch folgende Prüffragen nach Abschluss der Auftragsauswertung aufstellen

  • Ist weitere Ausrüstung mitzuführen?

  • Wie sind Aufgaben innerhalb des Trupps zu verteilen?

  • Wie wirken sich andere Trupps auf mein Handeln aus? Usw...



Fazit

Wie der Führungsvorgang in seiner Gesamtheit ist besonders auch die Auftragsauswertung auf jede Aufgabe im Dienstalltag übertragbar. Vor jedem Projekt sollte ich mir die Fragen stellen, was möchte die Führung im Kern von mir, was ist ihre Absicht, was sind die Auflagen und was bedeutet das für meine Umsetzung? Umgekehrt funktioniert das Spiel dann, wenn ich Aufgaben weiterdelegiere. Was muss ich meiner nachgeordneten Ebene mit auf den Weg geben, damit diese den Auftrag zu meiner Zufriedenheit erfüllen kann, aber noch die nötige Freiheit hat, es auf eine kreative Art zu tun? Genau aus diesem Grund arbeiten wir mit Schemata, die uns das Ganze erleichtern und helfen, nichts zu vergessen. Vor allem im Beitrag zur Befehlsgebung wird das noch deutlich werden.


Bis dahin könnt Ihr unter folgendem Link die versprochene Grafik herunterladen:






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